diabolisch
Lissabon im Frühling.
Ich spürte eine Unruhe aufkommen. Hier auf meinem Platz. Auf diesem Boot.
Aus einer Laune heraus hatte ich mir eine Rundfahrt auf dem Tejo gebucht. Ich brauchte eine Abwechslung. Es war früher Abend. Den ganzen Tag schon flanierte ich fotografierend durch die Stadt. Die Aussicht, eine Zeitlang sitzen zu können, sich einfach treiben zu lassen, erschien mir verlockend. Das Angebot einer Weindegustation erleichterte die Entscheidung. Eine Pause vom Fotografieren. Es sollte sich nach Entspannung anfühlen. Aber nun fühlte ich etwas ganz anders.
Bereits beim Einsteigen gab es eine gewisse Unruhe. Eine Gruppe amerikanischer Touristen wurde wieder von Bord verwiesen. Sie hatten die falschen Tickets. Es gab viele Diskussionen, doch es war nicht diese Spannung, die ich spürte. Es war etwas Tieferes, Unheimlicheres. Eine gewisse Kälte, die ich nicht mit dem frischen Abendwind in Verbindung brachte, sondern die unnatürlich war.
Durch den Tumult beim Einsteigen verzögerte sich die Abfahrt. Der Bordservice hatte schon begonnen.
Die erste Runde der Verkostung brachte eine Ablenkung. Meine Sinne fokussierten sich nun auf den Wein. Ich ließ den ersten Schluck bewusst länger im Mund. Ein angenehm frischer Roter mit einer sanften Würze, einem Hauch von Kirsche und einer eleganten Säure. Dieser Genuss hielt nur ein paar Sekunden, wurde schnell wieder überlagert von Kälte. Die feinen, vielfältigen Antennen in mir waren es eher gewöhnt, menschliche Nähe, Wärme, Verbundenheit zu spüren. Was jetzt bei mir ankam, war etwas völlig anderes. Es war genau das Gegenteil. Das Gegenteil von Mitgefühl, das Gegenteil von Menschlichkeit. Meine Wahrnehmung war schon immer besonders. Oft war das von Vorteil, aber in diesem Moment mehr belastend.
Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke hoch.
Das Schiff legte ab. Die hölzernen Bänke übertrugen die Vibrationen des arbeitenden Motors. Leichte Schwankungen zeigten, dass wir nun ohne sicheren Halt eines Taus unterwegs waren. Es ging gemächlich voran. Die abendliche Frische des Fahrtwinds war zu spüren, doch er war angenehmer als diese unerklärliche Kälte. Ich versuchte ein paar Fotos, aus der Not heraus, nur um etwas zu tun.
Die Plätze links von mir waren frei und so konnte ich, ohne aufzustehen, das Ufer fotografieren. Es waren nur ein paar Erinnerungsshots mit wenig Leidenschaft.
Ich drehte mich zur rechten Seite. Mit etwas Abstand saß dort eine Frau.
Mit einem Mal wurde mir bewusst, was ich spürte was mir meine Empfindungen die ganze Zeit mitteilen wollten. Mir zog es das Herz zusammen. Ich stockte im Atmen. Konnte das wirklich sein? Niemand würde mir glauben, was ich gerade wahrnahm. Nur ich konnte erkennen, wer oder besser: was hier neben mir saß.
Ein Mann vom Bordservice brachte das nächste Glas. Es holte mich für ein paar Sekunden aus der Anspannung. Ein Shiraz von der nahen Halbinsel Setúbal. Tiefes Rot, er sollte nach dunklen Beeren schmecken, ein Hauch von Schokolade und Vanille. Mein Kopf fand keine Konzentration, um diese Feinheiten wahrzunehmen. Unsinnlich leerte ich das Glas in einem Zug, wagte einen weiteren Blick nach rechts, nur um bestätigt zu bekommen, was ich nicht wahrhaben wollte.
Ich musste diese irreale Begegnung festhalten. Einen Beweis für ihre Existenz schaffen. Dokumentieren. Aufdecken.
Wollte ich das wagen? Ob sie meine Gedanken spüren, lesen konnte? Ob sie erkennen konnte, was in mir vorging, was ich vorhatte? Hatte sie bemerkt, dass ich sie erkannt hatte, dass sie eben keine harmlose Touristin war, das ich im Begriff war, ihre Existenz ans Licht zu bringen?
Der Alkohol kam in meinem Blutkreislauf an, ich hatte bis auf das Frühstück im Hotel noch nichts weiter im Magen. Mir war etwas wirr. Aber ich traf eine Entscheidung.
Es musste schnell gehen. Ganz schnell und unauffällig. Eigentlich Routine für mich und doch war es dieses Mal anders. Der Verstand wurde klarer, ging noch mal alles durch, wägte das Risiko ab und zögerte. Zögerte, weil er sich bewusst wurde, was auf dem Spiel stand. Zögerte, weil er sich ausmalte, wie es enden könnte. Mein Herz schlug schneller, der Mund wurde trocken. Ich spürte diesen Druck in der Brust und wie sich die Anspannung in die Schultern legte.
So unauffällig wie möglich hob ich die Kamera. War da ein Zittern in den Armen? Ich tat so, als ob ich nun das rechte Ufer fotografieren wollte. Wie ein Tourist eben. Dieses Mal durfte ich wirklich nicht erwischt werden. Es war mir egal, ob Fokus und Belichtung passten. Nur noch der kleine Druck auf den Knopf. Zum Glück ohne ein Klicken, der elektronische Auslöser blieb stumm. Im Bruchteil einer Sekunde hielt ich fest, was eigentlich nicht sein durfte.
Unbemerkt senkte ich danach die Kamera. Versuchte unschuldig wieder nach links, zum anderen Ufer zu blicken, mein Zittern zu verbergen. Ich schluckte. Hatte ich es wirklich geschafft, das Diabolische einzufangen? Hatte die Kamera wirklich ausgelöst? Ich wagte es nicht, gleich hier die Aufnahme zu kontrollieren. Ich hielt angespannt Ausschau nach dem Bordservice mit der nächsten Runde Wein.
Und plötzlich waren sie da — Höllische Gedanken und Bilder.
Die Vorstellung, wie mein Vorhaben entdeckt wird. Ich dann qualvoll zur Rechenschaft gezogen werde. Visionen von roten langen Fingernägeln, die sich wie in Zeitlupe in meinen Hals bohren. Wie sich dann die Hände immer enger um mich legen, immer tiefer eingraben. Mir der Atem geraubt wird. Und dann die Seele aus dem Leib gerissen wird.
Mein ganzer Körper verkrampfte sich. Ich versuchte meinen Atem zu regulieren. Mein Nervensystem wieder runterzufahren. Die Panik blieb. Auch nach dem dritten Glas Wein.
Noch heute holt mich das Bild zurück in diesen Moment.
Ich spüre Anspannung, fühle die unheimliche Kälte und diese roten Fingernägel an meinen Hals.




Man spürt die Spannung und das angespannte Knistern beim Lesen und fiebert mit.