museale Erkenntnisse
oder eindrucksvolle Momente im Museum
Mit der Kamera ins Museum — na klar!
Umgeben von Kunst habe ich das Gefühl, selber kreativer zu werden.
Ich lasse mich von Künstlern und Objekten inspirieren,
verwebe Besucher und Kunstwerke gerne miteinander.
Dabei fordert mich die Frage heraus:
Wer wirkt hier eigentlich im Bild?
Das Kunstwerk, der Mensch davor,
oder das, was im Moment der Fotografie neu entsteht?
Und: Wo beginnt in diesem Zusammenspiel dann meine eigene Schöpfung?
Genau dieser Zwischenraum fasziniert mich oft.
Kunst hin oder her, es entsteht dabei etwas ganz Eigenes.
Paris, Musée d’Orsay, 2019
le Modèle Noir
Eine helle Halle im Museum. Menschen kommen und gehen, stehen, betrachten. Darüber der dunkle Block: Le Modèle Noir, der Titel der Ausstellung.
Ein Gesicht blickt daraus hervor, ruhig, ernst, durchdringend.
Ich drücke ab. Nicht, weil etwas Spektakuläres passiert. Sondern weil alles zusammenkommt. Die passenden Personen zum Titel. Und dieser Blick von oben.
Erst in der Auseinandersetzung mit dem Bild habe ich den Hintergrund der Ausstellung recherchiert.
Die Ausstellung wollte schwarzen Modellen in der Kunstgeschichte ihren Namen zurückgeben. Menschen, die jahrhundertelang in Bildern auftauchten, als Typus, als Randfigur, als anonyme Geste, als farbige Dekoration. Für die Ausstellungen wurden die Bilder teilweise umbenannt, dadurch stand nun der Name der schwarzen Person im Raum. Madeleine. Laure. Joseph.
Ich fotografiere das, was unter dem Block geschieht. Die Besuchenden, die gar nicht wissen, dass sie gerade Teil eines Bildes werden. Ihre Bewegungen, ihre Präsenz im Jetzt.
Und auch ich habe nun mein Modèle noir, mache eigentlich das Gleiche wie die Maler damals.
Das ist auch ein Faden, der sich für mich durch die Streetfotografie zieht:
Wer sind diese Menschen, die ich ablichte?
Was bringen sie mit, und was bleibt von ihnen im Bild?
Dokumentiere ich oder benutze ich sie?
Neues Museum, Nürnberg, 2023
Farben und Glaubenswelten
Die drei entfremdeten Hubwagen liebte ich schon länger, aber mit dem Colormatch war meine Aufmerksamkeit voll gefangen. Das Gelb des T-Shirts meines Schwagers, das Gelb an der Wand und das Gelb eines der Hubwagen. Doch es steckt noch eine andere Ebene in dem Bild.
Vor den nutzlosen Hubwagen in Grundfarben hängt CUMA, ein Wandteppich der Künstlerin Mehtab Baydu. Das Werk zeigt Gläubige beim Freitagsgebet in einer Moschee in Ankara. Ein Ritual, das traditionell streng nach Geschlechtern getrennt abgehalten wird. und das Baydu mit der ebenfalls geschlechtlich konnotierten Tradition des Teppichknüpfens verbindet: Der Teppich wurde im Iran, wie üblich, von Frauen hergestellt.
Genau davor steht mein jüdischer Schwager — für mich entsteht ein subtiler Dialog aus Glaubenswelt, Kultur und Farbe, die sich im Motiv überlagern. Eine kleine Welt aus Zufall, verwoben in einem Augenblick.
Dresden, Albertinum, 2025
Stolz und Verachtung
Das großformatige Plakat hatte mich sofort angezogen. Tolle Gestaltung, eindringlicher Text — mag ich. Ein Foto mit dem Handy, als kleine Munition für später, falls mir mal jemand besonders stolz begegnet.
So lässt sich doch kunstvoll ein Spiegel vorhalten.
In Gedanken schon auf der Suche nach der passenden Gelegenheit, betrat ich den nächsten Raum. Dort durchbrach ein regelmäßiges Klicken die museale Ruhe.
Der ernste Blick einer Aufsicht führte mich zum Ursprung:
Ein umfänglicher Mann, ausgestattet mit einer ebenso imposanten Spiegelreflexkamera. Vor jedem Werk zwei Fotos – Kunst und Text – klick, klick, weiter.
Effizient war er. In kürzester Zeit hatte er das Albertinum digitalisiert. Vielleicht gibt’s daheim eine Diashow für die Nachbarschaft.
Ich dagegen fotografiere lautlos, mit elektronischem Verschluss.
Kein nerviges Klicken, kein Ärger mit dem Aufsichtspersonal.
Ich bewege mich ehrfürchtig, angemessen,
umgeben von Kunst und kunstverständigen Besuchern.
Pfff … Banause!
Da war er,
mein Moment des Stolzes.
Und ich spürte — zugegeben — auch ein klein wenig Verachtung.
Paris, Musée d’Orsay, 2019
Kontraste
Die Statue macht den Eindruck, als suche sie nach Empfang. Das war sicher der Impuls für dieses Bild. Vielleicht war es auch mein Bauch, meine Intuition, die mir die Verbindung zur jungen Frau mit ihrem Smartphone zeigte.
Jedenfalls war es einer dieser Momente, in denen man instinktiv erkennt:
Da ist ein Bild.
Ich mag den Witz, die Spannung, den Kontrast.
Der alte, weiße Mann auf dem Podest ist Anakreon, ein griechischer Lyriker, so um 600 vor Chr., der Lieder über die Liebe, den Wein und das Feiern schrieb. Ungefähr sowas:
Steigt Bacchus ins Gehirne,
So schlummern alle Sorgen,
...
Mars suche blanke Waffen;
Ich suche volle Becher.
Reich, Knabe, reich mir einen!
Es ist ja zehnmal besser
Berauscht, als leblos liegen.
Die Flucht vor der Realität in Alkohol und Feiern gab es also schon vor 2500 Jahren. Und wer darüber Lieder schrieb, wurde gefeiert.
Wie schwer die Lebenslast zu dieser Zeit war, kann ich nur erahnen.
Das Leben war fragiler, unsicherer, körperlich mühsamer.
Freiheit ungerechter verteilt. Vieles aus heutiger Sicht kaum ertragbar.
Wie die junge Frau, lebe ich heute leichter, länger, gesünder.
In nahezu grenzenloser Freiheit, in Wohlstand, mit Teilhabe und Mitbestimmung.
Vernetzt mit der ganzen Welt — und doch ein Refugee.
Auch ich flüchte.
Ich flüchte vor einer anderen Last.
Damals lag die Last hauptsächlich auf dem Körper.
Heute hat mein Körper nur den Kopf zu tragen, dafür trägt der Kopf die Last.
Zieht nach unten.
Ich flüchte gerne vor diesem Mental Load.
Auch in die virtuelle Welt. Lass mich berieseln.
Werde unzufrieden, weil unproduktiv.
Dann flüchte ich wiederum ins Tun.
Ins Fotografieren oder eben ins Schreiben.
Anakreon dagegen hebt seinen Kopf zum Weinbecher.
Der Kontrast verstärkt sich.
Nicht nur alt und jung,
modern und antik,
schwarz und weiß,
sondern auch darin, wie jeder mit seiner Last umgeht.
Wohin wir flüchten.
All refugees welcome.
Dann geh’ ich mal in den Keller und schau, ob Bacchus mich zum Singen bringt.
Ist es zehnmal besser berauscht, als überladen zu leben ?







Die Kunst neben der Kunst. Ich mag diesen besonderen Blick!
Sehr kurzweilig zu lesen, Ralph. Bei deinen Gedanken zu Stolz und Verachtung habe ich ertappt geschmunzelt …