Schnittstellen
oder was kann ich schon wissen?
Die Ecke in der Thalia-Buchhandlung begann mit den Büchern über Psychologie, gefolgt von zwei Regalen mit Programmiersprachen und IT-Wissen, danach zwei Regale Fotografie und Kunst. Ich frage mich, ob diese Zusammenstellung einen tieferen Sinn hat. Aber vielleicht verstehe ich die Zusammenhänge zwischen Sigmund Freud, Hackingstrategien, Helmut Newton und dem Impressionismus einfach nicht. Jedenfalls brachte mich diese Kombination zu einer wunderbaren Beobachtung.
Ich blätterte gerade durch “Die 100 wichtigsten Bilder und deren Bedeutung”, als die Ankunft eines jungen Pärchens mich aus meiner Vertiefung holte.
Beide schätzte ich auf Anfang 20 und sie steuerten direkt auf die Ecke zwischen Psychologie und Kunst zu. Den kurzhaarigen Mann, der mindestens einen Kopf kleiner war als seine brünette Begleitung, konnte ich auf Anhieb mit der IT-Literatur in Verbindung bringen. Sie hätte ich eher ein Stück nach links im Regal, zu den psychologischen Büchern einsortiert.
Mit einer kindlichen Begeisterung griff der junge Mann zielstrebig nach einem Buch über Hacking und IT-Security und schwärmte, dass er den Autor kenne und wie wichtig es ist, wenn ein so renommierter Verlag diesen aufnimmt. Er brillierte mit einem guten Wissen über die zum Hacking wichtigen Programmiersprachen und ergoss sich in einem kleinen Monolog. Fast schon in Hackersprache. Die junge Frau zog sofort mit ihren Antworten mit und konterte mit ihrem Wissen aus der Welt der Programmierung. Nun erklärte er ihr die Hintergründe zu einer koreanischen Hackergruppe namens Lazarus und deren Wirken. Aus seinem Redefluss sprühte die Begeisterung.
Das Wort Lazarus löste bei ihr etwas ganz anderes aus. Vielleicht war es der erlösende Gedanke, das Thema zu wechseln. “Lazarus! Das war doch die letzte Single von David Bowie, die habe ich vor Kurzem erst bei meiner Mutter gehört”. Sie griff zum Smartphone, um mehr darüber zu googlen. Ich griff nach dem nächsten Fotoband. Seine Ausführungen waren unerwartet gestoppt. Seinen Blicken zufolge suchte er nach einem Zusammenhang oder überlegte, wo er den Namen Bowie schon mal gelesen hatte.
Er rang nun darum, auf dem Gemeinsamen weiter aufzubauen, wieder anzuknüpfen mit den Themen, in denen er sich auskannte, die technischen, greifbaren, erklärbaren. Seine Stimme war nicht mehr so fest. Er sprang zwischen Themen. Sie fand das Cover der Single im Netz und war fasziniert davon: Bowie mit Bandagen über den Augen, wie ein Toter. “Und wie war das in der Bibel?”, fragte sie.
Ich griff weiter wahllos Bücher zum Durchblättern heraus. Dann machten sie sich auf den Weg.
Unauffällig versuchte ich an den beiden dranzubleiben, fand ich doch diese Geschichte einfach schön. Dieses Werben um Interessen, das Suchen nach Gemeinsamkeiten, nach Schnittstellen, über die ein Austausch stattfinden könnte und dann doch eine gewisse Enttäuschung.
Sie schlenderten langsam Richtung Ausgang im Erdgeschoss, blieben weiter im Gespräch. Ich hatte mich schon genug in ihre Geschichte eingeschlichen, scheute mich daher, an ihnen in Lauschweite dranzubleiben. Erst am Treppenabgang kam ich noch einmal näher und schnappte ein paar Sätze auf: “Macht es dich traurig, wenn du traurige Sachen liest?”, fragte er. Ah, das Gespräch ist auf eine andere Ebene gerutscht. Interessant. Sie druckste mit der Antwort etwas herum. “Hast du schon mal Kant gelesen?” war seine nächste Frage. Von der Gefühlswelt in die Philosophie. Die Suche nach weiteren Schnittstellen.
Zu gern hätte ich noch länger zugehört.
Ich denke, er träumte von mehr als einer technischen Romanze.
Aber “Was kann ich wissen?” um bei Kant zu bleiben.




Sehr amüsant geschrieben! Ob die Zwei wohl noch weitere gemeinsame Ebenen gefunden haben?