wenn ein Bild etwas in mir auslöst...
oder eine andere Art von Schönheit
Vancouver, Stanley Park, 2018
Es war ein Spaziergang im Stanley Park, direkt an der Wasserlinie entlang. Der Weg verläuft etwas erhöht und je nach Wasserstand bieten sich kleine Strände an. Schöne Plätze zum Muscheln oder Steine suchen. An einem dieser kleinen Abschnitte entstand das Bild.
Mich haben die Gegensätze in diesem Moment angezogen. Dieses Versunkensein ganz im Moment, ganz beim Erforschen. Und doch ist da eine Dynamik, die Dynamik des Wassers.
Die kleine auflaufende Welle bildet fast zwei grüne Augen mit einer durchgezogenen Augenbraue. Die Gischt vorne einen breitgezogenen Mund.
Bekommt das Kind mit der nächsten Welle nasse Füße?
Als ich das Foto das erste Mal am Bildschirm betrachtete, berührte es mich auf eine andere Art. Ich wusste lange Zeit nicht, was es war. Trotz der Verträumtheit trug es plötzlich eine gewisse Schwere in sich.
Irgendwann entdeckte ich meine innere Assoziation.
Es ist diese Verbindung: Kind, leuchtendes Shirt, dunkle Haare, Sandstrand. Das alles ruft in mir das Bild des kleinen, zweijährigen Alan Kurdi hervor. Das geflüchtete Kind, das 2015 tot an der türkischen Küste im Sand liegt.
Dass Alan eine Tante in Vancouver hatte, die versuchte, ihn legal nach Kanada zu holen, dass dies an der damaligen Politik scheiterte und die Familie daher auf die Überfahrt im Schlepperboot setzte. All das wusste ich nicht, als ich dieses in Sicherheit spielende Kind fotografierte.
Diese Assoziation in meinem Kopf bewegt mich immer wieder. Und natürlich sind es bisher auch nur meine Gedanken, die ich mit dem Bild verbinden, während jemand anders vielleicht nur einen ästhetischen Aufbau erkennt.
Kann ich das Bild trotzdem schön finden, auch wenn es mich an etwas Schreckliches erinnert?
Ja, weil es mich berührt, weil es in mir Mitgefühl weckt.
Es ist eine andere Art der Schönheit, eine Schönheit, die eine andere Tiefe hat, eben weil es mich bewegt. Eben deswegen ist es für mich ein wertvolles Bild geworden.
Beim Auslösen wollte ich die Ruhe, Gelassenheit, Verträumtheit vermitteln. Das schöne Spiel am Strand. Das kindliche Verweilen im Moment.
Es bleibt ein Bild, das man mit Gelassenheit betrachtet.
Anders für mich das Original.
Ein Bild, das verstört. Ein Bild, das aufrüttelt. Emotional belastet. Ethisch fraglich ist.
Ich stell mir die Frage: Was macht es mit der Fotografin?
Dieser Moment der Aufnahme, in dem man entscheidet zu dokumentieren. Die Kamera als Schutzschild oder macht sie das Ganze noch schlimmer, weil man genau hinschauen muss?
Und später zu wissen: Da ist ein Foto auf meiner Festplatte, das verstört, das Trauer, Wut, Scham hervorruft.
Die Fotografin, Nilüfer Demir, hat dem Bild einen Sinn gegeben:
Sie fotografierte, “um wenigstens den verstummten Schrei des Jungen für alle hörbar zu machen”
Vielleicht hilft dieser Sinn, das Erlebte zu verarbeiten.
Ich für mich bin froh, dass mein Vancouver-Kind spielen kann und mich trotzdem zu mehr Mitgefühl bewegt.




Vielleicht ist der Blick des Meeres ja ein Zeichen für: Das Kind ist beschützt, auch wenn ein anderes nicht geschützt werden konnte.