wenn ein Bild etwas in mir auslöst
übers Verlieren
Foto: @hillkey.v
⁂
Ich sehe ein Kind: Im Dämmerzustand. Kurz vor dem Einschlafen, der erschreckende Gedanke. Wo ist mein Fußball? NEIN! Jetzt noch holen? Morgen ist er weg. Wie erkläre ich das den Eltern? Er ist mir wertvoll. Ein Geschenk, ein Ausdruck von Liebe. Und ich habe ihn jetzt vergessen, er ist verloren.
Eine Erinnerung kommt hoch: Ich als Kind, im gleichen Alter, der gleiche Schock, das gleiche Gefühl beim Einschlafen. Ich hatte meinen Geldbeutel vergessen, verloren. Ein kleines Mäppchen für Münzen, mit einem Reißverschluss. Rot. Nicht schick. Nicht viel Geld drin, ein paar Mark für einen Pausensnack. Aber er war weg.
Nicht aufgepasst, verpeilt, versagt.
Morgen werde ich danach gefragt. Wie kann ich mit dem Gefühl jetzt einschlafen?
Die nächste Erinnerung. Gut 25 Jahre später. Das Handy meines Sohnes ist weg.
Verlegt, verdaddelt, verloren.
Er kommt unsicher zu mir. Seine Stimme vorsichtig und gedrückt, unsere Blicke treffen sich selten. Meine laute Stimme schüttet Urteile über ihn. Brause mich auf. Sehe nur das Materielle, nicht seine Scham.
Gerade habe ich dafür tiefes Mitgefühl. Fühle seinen Schmerz.
Damals hatte ich den Blick, das Gefühl dafür verloren.
Kann man Gefühle verlieren? Zeitgefühl, Taktgefühl, Menschlichkeit. Oder eben Mitgefühl.
Kästner dichtete:
“…kam ihre Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.”
Vielleicht gibt es ein Fundamt für Gefühle?
Stelle mir gerade vor, dass ich dort anrufe. Ich frage, ob sie bitte mal nachschauen könnten, ich hab da was verloren. Was genau weiß ich auch nicht. Ist nur so ein Gefühl.
“Junger Mann,” antwortet man mir, “Sie müssen schon konkret wissen, was Sie suchen, gehen Sie doch mal in sich!”
Da lege ich schnell auf.
Der Fußball liegt immer noch im Schulhof.
Geldbeutel hab ich noch mehr verloren, einen sogar wiederbekommen.
Die Zahl der verlorenen Handys meines Sohnes kann ich nicht überblicken, eines landete am zweiten Tag im Fluss.
Ich suche. Mit Gefühl.
⁂
Im ersten Moment traf mich Einsamkeit bei Hilkes verlassenem Fußball, dann kam diese Traurigkeit des Verlierens.
Vielen Dank an Hilke, für ihren poetischen Blick auf die Straße, der immer wieder etwas in mir auslöst.
Mehr von Hilke:
Instagram: @hillkey.v




Ich freue mich, dass du so tief in meinem Archiv dieses Bild ausgegraben hast, Ralph. Deine Gedanken dazu gehen in eine überraschend andere Richtung als die meinen. Der Text gefällt mir wieder sehr!